Ein Leserbrief und meine Gedanken dazu

Aktuell werden in der Augsburger Allgemeine täglich Leserbriefe zum Thema Fahrradstadt 2020 veröffentlicht. Am letzten Samstag erschienen folgende Gedanken unter der genannten Rubrik.

Fahrradstadt: Aus der Sicht eines Gelegenheitsradlers

Der ganze Hype um die „Fahrradstadt“ geht mir allmählich gehörig auf den Senkel. Betrachten wir es doch einmal aus meiner Sicht, aus der Sicht eines Gelegenheitsradlers. Bei mir bleibt das Rad in der Garage, und sicher nicht nur bei mir:

  • wenn es kälter als 5 und wärmer als 30 Grad ist.
  •  bei jeder Art von Niederschlag, auch wenn er erst vorhergesagt ist.
  • wenn die Entfernung mehr als zehn Kilometer ist, ich muss ja auch wieder heim.
  • wenn ich keine Zeit habe.
  • bei Gelegenheiten, wo ich besser nicht vollgesaut, durchgeschwitzt und stinkend wie ein Iltis ankomme.
  • wenn ich viel, etwas Großes, Schweres oder Empfindliches zu transportieren habe.
  • nach oder während einer Erkältung, Verletzung oder OP.
  • bei Straßenglätte, grenzt an Selbstmord.
  • bei Nebel oder Sturm.
  • wenn ich die Enkel von der Schule oder vom Kindergarten abhole oder mit Freunden was unternehme, die radeln auch nicht so fanatisch gerne.

Was bleibt jetzt eigentlich noch übrig an Gelegenheiten? Die Freaks, die sagen, es gebe nur falsche Kleidung oder das falsche Rad, werden mich als Weichei belächeln, aber sind das wirklich so viele, dass es zu rechtfertigen wäre, für diese kleine, aber laute Minderheit die ganze Stadt umzubauen? Jeder soll sich fortbewegen, wie er will, aber seine Art bitte nicht zur Ideologie erheben!

Vor der Schule

Diese, in der Tageszeitung, veröffentlichten Ansichten des Schreibers haben mich veranlasst über die Diskussion der Fahrradstadt nachzudenken.

Sind denn fehlende bauliche oder regulatorische Maßnahmen, zu Gunsten der Radfahrer, wirklich das Problem einer Stadt, die Fahrradstadt sein möchte? Oder ist es die Einstellung der Bürger zum Fahrrad an sich. Betrachtet man Räder als Sportgerät oder als Transportmittel für die Freizeit bei schönem Wetter, dann können die Wege noch so gut sein und der Radverkehrsanteil wird nicht zunehmen.

Der Zustand der Fahrräder

Auch der Zustand vieler Fahrräder, denen ich täglich begegne, ist eher als erbärmlich zu bezeichnen. Mal von fehlenden oder defekten Beleuchtungseinrichtungen abgesehen, möchte ich mit Rädern ohne Luft, mit Achtern in den Laufrädern oder mit defekten Bremsen, auch nicht im Stadtverkehr (oder sonst irgendwo) unterwegs sein. Wenn ein Fahrrad oder Pedelc aber als Transportmittel für den Alltag gesehen wird, dann nimmt dieses unter Umständen plötzlich den Platz ein, den bei anderen das Auto inne hat.

Das Wetter

Regelmäßige Wartung und Pflege gehört dann dazu und schon macht es wesentlich mehr Spaß auch bei ungünstigen Witterungs- oder Verkehrsverhältnissen unterwegs zu sein. Gerade ein Pdelec bietet bei Wind oder gar Regen eine Möglichkeit dem Wetter zu trotzen. Vollgeschwitzt und durchgesaut, wie im Leserbrief beschrieben, bin ich schon lange nirgends mehr angekommen. Den Zeitaspekt, der angeführt wird, finde ich sehr interessant. Gerade im Berufsverkehr bin ich regelmäßig schneller am Ziel als mit dem Auto.

Große oder empfindliche Gegenstände

Wäre da noch das liebe Transportthema. Auch mit Fahrrädern lässt sich eine Menge transportieren, wie in anderen Beiträgen in meinem Blog nachzulesen ist. Natürlich besitzt nicht jeder ein Lastenrad oder kann in seinem Wohnumfeld eines leihen. Dennoch lohnt sich auch mal ein Gedanke weg vom Auto. Ist frisches Gebäck am Wochenende schwer oder empfindlich? Wenn ich sehe wie viele Autos am Morgen vor den Filialen der Bäcker stehen, dann muss ich davon ausgehen, dass das so ist.

Kindertransport

In mehreren Untersuchungen wurde aufgezeigt, dass die größte Gefahr auf dem Schulweg von Elterntaxen (Großelterntaxen) ausgeht. Diesen Wahnsinn erlebe ich oft, wenn ich auf meinen Alltagswegen zur falschen Zeit an Schulen vorbeikomme. Wildes Parken auf Rad- und Gehwegen. Ungeduldige Erwachsene, die mit laufenden Motoren auf die Kinder warten.

Fazit

Ja, auch mich nervt die Diskussion über die Fahrradstadt. Ein Umbau der ganzen Stadt ist auch gar nicht nötig.

  • Wenn Radfahrer von allen als „echte“ Verkehrsteilnehmer akzeptiert werden.
  • Wenn vorhandene Radwege oder Schutzstreifen nicht als Parkraumerweiterung betrachtet werden.
  • Wenn Regeln von allen eingehaltenen werden. Mit allen meine ich sowohl die Autofahrer, die mich regelmäßig mit wenig Abstand oder deutlich zu hoher Gescheindigkeit in 30´er Zonen überholen, aber auch die Radler, die gegen die Fahrtrichtung als Geisterradler oder ohne Licht unterwegs sind. Auch das Mißachten von roten Ampeln stellt in beiden Mobilitätsgruppen ein großes Problem dar.
  • Wenn alle Bürger einer Stadt nicht das Auto als primäres oder gar einziges Fortbewegungsmittel für jede Strecke betrachten werden, sondern auch Alternativen in Betracht ziehen.

Eine kleine Minderheit sind Radfahrende nicht mehr. Laut? Das kommt ganz auf die Sichtweise an. Den Verkehrslärm, den Radfahrende erzeugen, nehme ich kaum war. Von Autolärm bin ich Tag und Nacht umgeben. Also muss man als Radfahrer wohl auf der medialen oder politischen Bühne etwas Lärm machen, um neben dem Motoren- oder Abrollgeräuschen und Lobbiistenrufen gehört zu werden. Ach ja, der Leserbrief wurde ja von einem „Gelegenheitsradler“ verfasst. Wenn man die ganzen Ausschlusskriterien betrachtet, dann können es nicht all zu viele Geegenheiten sein, zu denen das Rad aus der Garage darf.

6 thoughts on “Ein Leserbrief und meine Gedanken dazu”

  1. Der Leserbrief stimmt mich traurig, aber so denken wohl 90% aller Menschen. Ich selbst fahre überwiegend mit dem Fahrrad. Das ging auch nicht von heute auf morgen: Anfangs fuhr ich nur bei Sonnenschein und 25 Grad Celsius zur Arbeit mit dem Fahrrad. Dann kaufte ich mir Regenklamotten um auch bei unsicherer Witterung ohne Auto mobil zu sein. Als nächsten Schritt kaufte ich mir ein qualitativ hochwertiges Fahrrad das mir viel Spaß beim fahren vermittelte und meine Motivation deutlich steigerte. Nur die Wintermonate waren ein Problem. Dank Spikereifen konnte Ich dieses Problem aus der Welt schaffen und fahre seitdem die letzten 20 Jahre ganzjährig mit dem Fahrrad über Land , 11 km einfach zur Arbeit und auch sonstige Wege bis zum Umkreis von 50 km.
    Leider ist es sehr schwer bis unmöglich andere Leute von den Vorteilen des Fahrrads zu überzeugen . Geiz ist leider immer noch geil! Und ein Liegerad ist sowieso nur etwas für a paar „Gschpinnerte“.
    Schade aber wohl nicht zu ändern!

  2. Hallo Andreas, ich hoffe dein toller Artikel auf den Leserbrief in der AZ zum Thema Radlstadt Augsburg, der bei mir nur Kopfschütteln ausgelöst hat, wird auch in der AZ abgedruckt. Toi, toi, toi und weiterhin gute Fahrt und viel Spaß beim Radeln.
    Viele Grüße
    Margit

  3. Esslingen ist keine Fahrradstadt – definitiv nicht, auch wenn hier die längste Fahrradstraße Baden-Württembergs sein soll. Hier gibt es eine zweispurige Straße, die morgens und abends die autofahrenden Pendler aus 11 Stadtteilen auf die Bundesstraße bringt.

    Das Experiment: Man nehme den Mittelstreifen der zwei Fahrspuren und verschiebe ihn soweit nach rechts, dass ein 1m breiter „Schutzstreifen“ optisch abgetrennt wird. Dieser ist ab jetzt für Radfahrer!

    Ach ja, breiter ist die Straße natürlich nicht geworden – jetzt sind zwei Fahrzeuge und ein Radfahrer nebeneinander (wenns ganz blöd läuft).

    Dennoch ist mir in den letzten Tagen aufgefallen, dass in einer 30er Zone auch mal die Autofahrer mit 26km/h hinterherfahren, ohne zu drängeln.Klar gibt es auch Deppen, doch es werden gefühlt weniger.

    Punkt 1 und 3 deines Fazits tragen enorm zur Verbesserung bei, Andreas. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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